Joy Ride
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Filmkritik

Die Tat ist ohn' warum

Die Schweiz hat ein eigenes «Big Brother». Das weiss jeder. Fast niemand aber weiss: Sie hat in «Joy Ride» auch ihren eigenen Dogma-Film. Der Zürcher Martin Rengel hat in seinem ersten Spielfilm den Versuch unternommen, den Gründen eines wahren Verbrechens auf die Spur zu kommen. Das ist Rengel zwar nicht ganz geglückt. Aber glücken soll es auch nicht.

Was er von dem Schweizer Dogma-Film halte, wurde Lars von Trier, der geistige Vater des berühmten Manifests "Dogme 95«, gefragt. Er kenne keinen, war des Meisters überraschende Antwort. Dem Erstaunen darüber, wie er denn seine Unterschrift auf dem Zertifikat verantworte, das »Joy Ride« als echten Dogma-Film ausweise, entgegnete der Däne mit vielsagendem Schalk. Er habe doch nicht die Zeit, sich ständig irgendwelche Filme anzuschauen, um zu beurteilen, ob sie die Dogma-Regeln einhielten, die auch er nur zu übertreten versucht habe. Es gelte hinfort der »protestantische Weg". Absolution werde nicht mehr erteilt. Jeder Regisseur habe selbst zu wissen, ob er einen Dogma-Film gemacht habe.

Martin Rengels «Joy Ride» ist ein Film mit einem hohen realistischen Anspruch, der sich nahe am Dokumentarfilm bewegt. Rengel, mit Lukas B. Suter als Drehbuchautor, erzählt die Geschichte eines wahren Verbrechens. Er hat fast alle Hauptrollen mit Laien besetzt und zu einem guten Teil auch an Originalschauplätzen gedreht. Da war, da ist also diese Clique: Daniel (Andi Zehnder), Andi (Sebastian Hölz), Bruno ("Mannezimmer" Edward Piccin), Max (Stephan Krauer). Und Sandra (Claudia Knabenhans). Alle sind sie kaum den Mitessern entwachsen, noch Lehrlinge oder schon Hilfsarbeiter, in einer Lebensleere jedenfalls, vor der allein Autofahrten, Trinkereien in Agglobars Zuflucht bieten. Das Zuhause, eine kahle Hochhauswohnung der Bannmeile, wärmt nur der gerauchte Ofen. Kalt ist es. Trist. Wirklich.

Da verfängt sich Sandras richtungslose Verliebtheit in Daniel. Das spaltet, scheint die Männerclique zu spalten. Hier die drei jungen Männer - da das Fastpaar, das kein richtiges werden kann. Daniels dumpfes Pendeln zwischen der scheuen Hoffnung auf wahre Liebe, seiner sexuellen Getriebenheit und dem Druck der Clique, die Widerspruch nur erträgt, wenn sie ihn ausschliesst, entscheidet sich jäh. Plötzlich verpflichtet die achtlos gefallene Floskel «umbringe!» zur Tat. Während einer Autofahrt geschieht das schreckliche Verbrechen.

Martin Rengels Film ist nicht daran zu messen, wie genau er die Regeln des «Dogma-Manifests» einhalte. In «Joy Ride» werden sie etwa in dem Masse gebrochen, wie dies in anderen Dogma-Filmen auch der Fall war. So liegt Rengels augenfälligste Regelverletzung in dem freien Umgang mit dem Ton. In der Montage wurden Bild und Ton getrennt und die Musik über den Schnitt gezogen. Aber wen kümmert das? Und ob es richtig ist, wenn Rengel auf den Zürcher Dammweg Prostituierte hinstellt, die in Wirklichkeit nie dort stehen, fragt sich ohnehin nur jemand, der sich in Zürich einigermassen auskennt. Bemerkenswerter ist indes, was man sieht. Und das ist eine Langeweile, die Programm hat. Das Leben der jungen Menschen ist das ewige Umkreisen derselben unwirtlichen Un-Orte. Dasselbe Sprechen derselben agrammatischen Sätze. Dasselbe Tun von demselben Nichts. Solche Wiederholung bestimmt auch die Struktur des Films. «Joy Ride» kommt auch dann nicht in Fahrt, als das Geschehen seinem Höhepunkt zufährt. Diese Langeweile aber und die Richtungslosigkeit sind nicht nur die gemässe Entsprechung der Leere der jungen Menschen, sondern auch das Einzige, welches die unerklärbare Tat erklärt. Rengel wollte die wahren Beweggründe des entsetzlichen Verbrechens im Dunkeln lassen. Und darin liegt auch die verstörende Wirkung des Films.

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