|
Fünf Filme machten sie zusammen, Klaus Kinski und Werner Herzog. Begründet wurde durch diese Arbeit eine amour fatal, die der Überlebende - Kinski starb 1991 - jetzt im Dokumentarfilm «Mein liebster Feind» Revue passieren lässt.
|
Kinski würgt seinen Regisseur
Aguirre - der Zorn Gottes
Fitzcarraldo
Woyzeck
Nosferatu - Phantom der Nacht
Cobra Verde
Aguirre - der Zorn Gottes
Paganini
Der Android
|
|
Klaus Kinski beim Wüten, Kinski beim Augenrollen, Kinski beim Rumbrüllen - wer die Nummer «Klaus, der tollwütige Beserker» liebt, bekommt in «Mein liebster Feind» die volle Packung. Beispiele von Kinskis Querulantentum hat der Regisseur Werner Herzog viele sammeln können, war doch noch jeder der fünf gemeinsamen Drehs (Aguirre, Nosferatu, Woyczeck, Fitzcarraldo, Cobra Verde) von handgreiflichen Differenzen überschattet gewesen. Während der eine meist schwieg, entlud sich das «Schauspieler-Kraftwerk» in spektakulären Schimpftiraden gegen alle und jeden und vor allem gegen Herzog. Kinski O-Ton: «Herzog ist ein miserabler, gehässiger, missgünstiger, vor Geiz und Geldgier stinkender, bösartiger, sadistischer, verräterischer, erpresserischer, feiger und durch und durch verlogener Mensch». Mit den üblen Attributen, die Klaus sich damals für seinen liebsten Regisseur ausdacht hat, liesse sich leicht ein ganzes Schimpflexikon füllen.
Die Legende vom Regisseur, der den wildgewordenen Kinski mit vorgehaltener Waffe zur Arbeit zwingen musste, machte während der Dreharbeiten zu Fitzcarraldo (1981) weltweit die Runde, und wenn die Dokumentation diesen Vorfall auch abschwächt, so wird doch klar, dass hier nicht nur einfach zwei publicitysüchtige Punks ihre Show abgezogen haben. Ganz im Gegenteil, fühlte sich doch vor allem der göttliche Klaus nur in der enthemmten Pose vollkommen authentisch. Und weil dem so war, musste er fast zwangsläufig im anderen grossen Übermenschen des jungen deutschen Films, Werner Herzog, sein Medium finden. Dass dabei «Wunden aufgerissen wurden», empfand der Maestro als vollkommen natürlich.
Beide waren sie auf der Suche nach Grenzen, nach der «kristallklaren Wahrheit», die sie in der archaischen Ursuppe des Dschungels zu finden glaubten. Aguirre - der Zorn Gottes, der Bericht eines übergeschnappten spanischen Conquistador, gab den beiden Irren 1972 ein erstes Mal Gelegenheit, statt eine Geschichte zu erzählen, ausufernd ihren eigenen verwirrten Geisteszustand auszustellen. Untrennbar aufeinander angewiesen, aufgrund ihrer Egomanie aber gleichzeitig voneinnander abgestossen, bot sich dem Zuschauer dabei ein einzigartiges Spektakel: Kunstkino als sado-masochistische Götterdämmerung. Zusammen mit Herzog war Klaus endlich mehr als nur der beste Nebendarsteller unzähliger Edgar Wallace-, Winnetou- und Sergio Leone/Sergio Corbucci-Filme. Wenn Kinski jetzt hustete, dann hielt die Menschheit den Atem an.
Es wäre nun für Herzog ein Leichtes gewesen, aus der sicheren Distanz von acht Jahren, die Demontage seines Stars zu betreiben. Riesig die Fülle des Materials, mit dem der aufgeblasene Grössenwahn Kinskis zu entlarven gewesen wäre; eindeutig die Diagnose jener, die im Gekasper dieses Rastlosen den krankhaft Geltungssüchtigen zu sehen glauben. Doch nichts von alledem in «Mein liebster Feind», denn Herzog spinnt das Garn vom Genie Kinski einfach weiter und schafft, was nur Herzog schaffen kann: das Gewüte des Tobsüchtigen erscheint als Tiefe. Während diese mangelnde Distanz Herzogs Post-Kinski-Spielfilme (so bspw. Schrei aus Stein) zu einer peinvollen Erfahrung machte, ist es nun dieselbe Unschärfe, die im Fall von «Mein liebster Feind» einen erstaunlich intimen Blick auf die bizarre Freundschaft zwischen den beiden rasenden Mythomanen zulässt.
Ganz behutsam schildert Herzog dann die Auswirkungen, die die ganzen Umstände auf ihn selbst hatten; wie sie ihn von Höhepunkt zu Höhepunkt jagten, und ganz allmählich wird klar: Er fehlt ihm heute doch sehr, der Klaus. Vorbei die schönen Zeiten, als die beiden noch mit grosser Geste im Kino-Olymp herumfuchtelten. Und ehe wir es uns versehen, beginnen die Bilder, beginnt Klaus Kinski von Werner Herzog und dessen Wahnsinn zu sprechen. Davon, wie es heute nicht mehr ist, und davon, wie es war, als noch die Götter Kino machten. [Benedikt Eppenberger]
|
| Originaltitel: |
Mein liebster Feind - Klaus Kinski |
| Deutscher Titel: |
Mein liebster Feind |
| Filmlänge: |
95min |
| Land (Jahr): |
Deutschland, Grossbritannien (1999) |
| Genre: |
Dokumentation |
| Besetzung: |
Claudia Cardinale, Justo Gonzales, Werner Herzog, Klaus Kinski, Eva Mattes, Benino Moreno Placido, Beat Presser, Guillermo Ríos, Andres Vicente |
| Regie: |
Werner Herzog |
| Kamera: |
Peter Zeitlinger |
| Produktion: |
Lucki Stipetic, Christine Ruppert, Andre Singer |
| Verleih: |
Stamm Film |
| Produktionsfirma: |
Werner Herzog Filmproduktion [de], Westdeutscher Rundfunk (WDR) [de], British Broadcasting Corporation (BBC) [uk], Independent Film Channel, Cafe Productions Ltd. [uk], Zephir Film [de], Finnish Broadcasting Company (YLE) [fi], Arte [fr/de], Bayerischer Rundfunk |
| Komponist: |
Popol Vuh |
| Startdatum: |
03.02.2000 (Deutschschweiz) |
|
|