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A Dangerous Method - Interview

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Aka Titel:Eine dunkle Begierde
Land (Jahr): Kanada, Deutschland, Schweiz, Grossbritannien (2011)
Genre:Drama, Thriller
Filmlänge:99min
Regie:David Cronenberg
Kinostart:10.11.2011
 21.12.2011 (Romandie)
 07.10.2011 (Tessin)

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David Cronenberg: «Der Dialog ist die Essenz des Kinos»

Warum ihn die Psychoanalyse fasziniert. Was Wien von Zürich unterscheidet. Und warum nicht ein Film über Albert Einstein? Der Kultregisseur im Gespräch.

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Hatten Sie die Psychoanalyse als Filmsujet schon im Kopf, bevor Sie auf Christopher Hamptons Stück gestossen sind?
Als mir das Stück in die Hände kam, war ich nicht wirklich auf der Suche nach einem Filmstoff. Ich war ganz einfach neugierig, denn ich kenne und schätze Christopher Hamptons Arbeiten für Theater und Film. Auch die Art der Beziehung zwischen Freud und Jung war mir ansatzweise bekannt. Als ich dann das Stück las, wuchs die Faszination von Seite zu Seite. Schliesslich wurde mir klar, dass die wunderbare dramatische Struktur, das Dreieck Freud-Jung-Spielrein, ideale Bedingungen für einen Film bot, die Geschichte der Psychoanalyse zu erforschen.

Haben Sie sich selbst einmal einer Analyse unterzogen?
Nein, nie. Trotzdem: Psychoanalyse hat mich immer schon fasziniert. Man hat mich darauf hingewiesen - selbst hatte ich es vergessen -, dass mein allererster Film mit dem Titel «Transfer» (1966) ein siebenminütiger surrealer Sketch gewesen war, in dem sich ein Psychiater und sein Patient gegenübersitzen und sich über ihre libidinöse Beziehung zueinander unterhalten. Vielleicht wollte ich also insgeheim immer schon die Geschichte der Psychoanalyse zum Themenfeld machen, bloss fehlte mir, bis Hamptons Stück auftauchte, die dramatische Struktur dazu.

Was kann man in einem Film zum Thema besser zeigen als in einem Theaterstück?
Als ich Hampton anging, um mir die Rechte zur Verfilmung des Stückes zu sichern, erzählte er mir, dass A Dangerous Method auf einem Drehbuch basierte, das er vor 17 Jahren für einen Julia Roberts-Film geschrieben hatte. Der Film wurde dann aber abgesagt, worauf Hampton darum bat, aus dem Drehbuch ein Theaterstück machen zu dürfen, was er dann auch tat. Das Stück war also zuerst fürs Kino geschrieben worden und deshalb von Beginn weg sehr filmisch gedacht. Nicht ein Theaterstück wurde zum Film umgearbeitet; es war ein Theaterstück, das immer schon zu seiner Verfilmung drängte.

A Dangerous Method besteht aber auch als Film hauptsächlich aus Dialogen.
Viele Leute denken: Hat man eine Menge intensiver Dialogszenen vorliegen, dann ist das Theater. Ich habe das nie so gesehen. Wenn ich selbst Drehbücher schreibe, dann legte ich das Hauptgewicht immer auf die Dialoge. Die Dialoge sind das, was direkt im Film verwendet wird. Niemand wird je deine Szenenbeschreibungen sehen; den Dialog hingegen hören alle. Was wir als Filmemacher weitaus am meisten aufnehmen, sind Gesichter von Menschen, die sprechen. Für mich ist der Dialog die Essenz des Kinos.

Gleichwohl spielt auch Zürich, besser gesagt, das Bild von Zürich, eine Hauptrolle in Ihrem Film. Wo sonst würde man zu dieser Zeit eine kontrolliertre, kleinbürgerlichere Umgebung finden als hier, wo unter einer blitzsauber geputzten Oberfläche die Neurosen blühen?
Tatsächlich ist der Kontrast zwischen Wien und Zürich wesentlich für den Film. Der Unterschied zwischen den beiden Städten steht spiegelbildlich für die Differenzen zwischen Freud und Jung. Freud förderte den protestantischen Zürcher Bourgeois C.G. Jung mit Absicht, um so eine Leaderfigur für die psychoanalytische Bewegung präsentieren zu können, die, im Gegensatz zu seinen Wiener Mitstreiter, nicht jüdischer Herkunft war und deshalb vom damals grassierenden Antisemitismus nicht betroffen wäre. Einen Zürcher Protestanten würde keiner verdächtigen, jüdischem Mystizismus, als was die Psychoanalyse auch schon bezeichnet worden war, zu huldigen. Dass Jung gegen die ihm von der Vaterfigur Freud zugedachte Rolle opponierte, machte dann allerdings die Gegensätze unüberbrückbar.

Freud schätzte Jung demnach nicht unbedingt als Wissenschaftler, sondern hauptsächlich als Nicht-Juden. Gab es denn auf ideeller Ebene überhaupt einmal Übereinstimmung zwischen den beiden?
Die vielfältigen Symptome der Triebunterdrückung, wie sie Freud und Jung in ihrer Praxis beobachteten, liess beide zum ähnlichen Schluss kommen: Die Zivilisation gibt sich einer Illusion hin. Der nämlich, dass die destruktiven menschlichen Seiten durch Aufklärung, Ökonomie und Wissenschaft gebändigt worden seien. In Tat und Wahrheit funktionierte die Kontrolle vor allem mittels Verdrängung, Tabuisierung und Verbot. Ins Unterbewusstsein verbannt warteten die Urgewalten auf ein Comeback. Freud wie Jung fürchteten, dass wenn nicht Methoden entwickelt würden, sich diesen Kräften zu stellen, eines Tages der Kessel explodieren würde und so die europäische Hochzivilisation schnell ins Stadium finsterer Barbarei zurückfallen könnte. Der Erste Weltkrieg hat diese Annahmen dann aufs Grausamste bestätigt.

Nicht nur Zürich auch Wien war demnach eine Metropole der Triebunterdrückung. Gleichzeitig beherbergte Zürich im letzten Jahrhundert auch einige weltgeschichtlich gewordene Störenfriede: Lenin, Einstein, Joyce, die Dadaisten. Gestalten wie geschaffen für 100 Cronenberg-Filme.
Zumindest Einstein wäre als Figur sehr interessant. Vor allem der junge Einstein, jener Forscher, der, noch ungeformt, nicht jener Comicfigur entspricht, die heute - ähnlich wie Freud - die populären Medien bevölkert.

Karl Kraus hat einmal gesagt, dass «die Psychoanalyse jene Geisteskrankheit (sei), für deren Therapie sie sich hält». Eine Krankheit also, die als Heilslehre getarnt den Menschen wie ein Virus befällt und im Krankheitsverlauf dessen Wahrnehmung auf ungeheure Weise verändert. Klingt wie die Blaupause zu vielen Cronenberg-Filmen? Demnach fällt «A Dangerous Method» doch nicht so aus dem Rahmen ihrer übrigen Filme wie oft behauptet wird.
Das Bemühen der Menschen, zu verstehen, was «menschlich» ist beziehungsweise sein könnte, fasziniert mich seit meinen Anfängen als Filmer. Der Psychoanalytiker arbeitet in dieser Hinsicht ähnlich wie ich als Künstler. Beide bewegen wir uns in der Realität und fragen uns: Was wird uns vorenthalten, was kriegen wir nicht zu sehen? Und meine Arbeit wie jene des Psychoanalytikers besteht darin, mir ein Bild dessen zu machen, das sich hinter der Realität versteckt - beziehungsweise hinter der Illusion von Realität?

[David Cronenberg wurde interviewt von Benedikt Eppenberger]

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